Die Tage danach

Mir geht es gut, meine Freunde und Bekannte sind wohlauf. Aber diesen Freitag den 13. November 2015 werde ich nicht vergessen können.
Ich war an diesem Abend gegen 23 Uhr ins Bett gegangen, war müde von der Woche. Wir hatten ferngesehen, aber keinen Sender, der die schrecklichen Nachrichten schon durchgegeben hatte. In das Fußballspiel hatten wir nur ein paar Minuten reingezappt, da hatte die dritte Explosion schon stattgefunden, aber wir wussten von nichts.
Kurz nachdem ich eingeschlafen bin, schrecke ich auf und höre im Halbschlaf das Handy meines Freundes klingeln. Ich denke mir nichts dabei. Er erzählt mir am nächsten Tag, dass ihm ein Freund, der zurzeit in Moskau ist, eine SMS geschickt und gefragt hat, ob es ihm gut geht. Mein Freund versteht erst, als er im Fernsehen auf einen Informationssender umschaltet. Als er später ins Bett geht, sagt er mir nichts, lässt mich den Schlaf der Unwissenden schlafen. Ich bin froh darüber, sonst hätte ich in dieser Nacht kein Auge zugemacht.
Am nächsten Morgen weckt uns um 9 Uhr das Telefon. Wir sind nicht schnell genug, mein Freund bringt mir trotzdem das Telefon, sagt: „Das war dein Vater. In Paris gab es gestern Abend mehrere Anschläge.“
Nachdem ich meinen Vater beruhigt habe, schaue ich auf mein Handy. Sehe, dass mir mehrere Freunde geschrieben haben und sich nach uns erkundigen. Ich antworte schnell, schreibe Freunden, von denen ich noch nichts gehört habe, setze meinen Facebook-Status auf „in Sicherheit“. Am Vormittag schauen wir die schrecklichen Bilder im Fernsehen an, können es nicht glauben. An diesem Samstag wollten wir eigentlich unseren Wocheneinkauf in einem Supermarkt in einem großen Einkaufszentrum machen. Einkaufszentren gelten als eines der nächsten Ziele von Terroranschlägen… Wir gehen nur in den Supermarkt um die Ecke, bleiben des Rest des Tages zu Hause, die Stimmung ist seltsam, bedrückt.
Am Sonntag strahlt die Sonne, man kann fast im T-Shirt rausgehen. Es ist vollkommen irreal, dass keine 48 Stunden früher so ein Massaker hat stattfinden können.
Am nächsten Tag muss der Alltag weitergehen. In den öffentlichen Transportmitteln beäugt man sich misstrauisch, ohne es wirklich zu wollen. Ein Junge blättert in einer kostenlosen Zeitung und fragt seinen Vater, was der „Bataclan“ sei.
Als ich auf der Arbeit ankomme, bin ich unglaublich froh, dass mein Team vollzählig ist. Mehrere Kollegen waren am Freitagabend im Stade de France, da die Mitarbeitervertretung günstigere Tickets für das Fußballspiel verkauft hatte. Sie sind noch immer geschockt, erzählen mit zitternder Stimme. Einige andere Kollegen haben Freunde verloren, die an diesem Abend zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Um 12 Uhr versammeln wir uns zur Schweigeminute. Viele sind in schwarz gekommen, später sieht man ein paar Kolleginnen weinen.
Es wird lange dauern, bis die Wunden geheilt sind, und es werden Narben bleiben.

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2 Antworten zu Die Tage danach

  1. Brigitte Edler schreibt:

    Hallo Lina,
    unser tiefstes Mitgefühl gilt den Bewohnern von Paris.
    So eine einzigartige Stadt, auch hier in Österreich sind alle geschockt.
    Leider bin ich nicht so mutig wie Hano – wir wollten zu Weihnachten wieder Wohnungstausch mit PARIS machen – das ist jetzt abgeblasen. Zum Glück waren wir schon etliche Male in PARIS, auch in Marseille. Durch Wohnungstausch war es uns möglich länger zu bleiben, und wir fühlten uns schon als echte Pariserinnen. Wir lieben die Sprache, die Filme, die Kultur, die guten Umgangsformen, das savoir vivre. Nun müssen wir also von unseren Erinnerungen zehren…. Wir sind sehr traurig, dass man nun fast nirgends mehr hinreisen kann. Wir wünschen Euch, dass so etwas nie mehr passiert, und dass Paris wieder zu der Stadt wird, die sie einmal war. Lg Brigitte

  2. Hano Stäubli schreibt:

    Liebe Lina,
    Seit langer Zeit lese ich Deine Kommentare über meine Lieblingsstadt.
    Wir werden sie nächsten Dienstag zum dritten Mal dieses Jahr wieder besuchen.
    Nach den verheerenden Anschlägen habe ich mir schon Gedanken gemacht über Sicherheit etc.
    und trug mich mit dem Gedanken die Reise abzublasen.
    Aber Paris ist mir zu wichtig um sie nicht auch in dieser traurigen Zeit mit zu erleben, dabeizusein
    und mitzutragen. Es wird sicher nicht so fröhlich und unbeschwert sein wie bei anderen Besuchen.
    Wir möchten damit aber als stetige Gäste einen klitzekleinen Beitrag zur Solidarität mit Paris und seinen Menschen leisten und kommen gerade darum trotzdem.
    Herzlich Yvonne und Hano Stäubli

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